18. - 28. Juli 2010
Reisebericht von Rüdiger Homberg
Sonntag 18. Juli: Soest - Bellinzona
Die Anfahrt von Soest nach Bellinzona erfolgte per Bahn. Das war schon ein besonderes Ereignis: Da es keine durchgehende Zugverbindung gibt und nur Züge mit Fahrradtransport benutzt werden konnten, waren mehrmaliges Umsteigen und ein 5-stündiger Aufenthalt auf dem Baseler Hauptbahnhof bis zur Weiterfahrt am anderen Morgen eingeplant. Dass ich noch häufiger umsteigen durfte, ergab sich, weil bereits der Zug ab Soest Verspätung hatte. Und das Umsteigen mit einem Mountainbike und ca. 20 kg Gepäck war meistens selbst ein kleines Abenteuer. Der Startpunkt sollte aber Bellinzona sein, weil ich ab dort die schweizer Pässe um den St. Gotthard und die weiteren Westalpen kenne.
Die Streckenplanung überlasse ich Rudolf Geser und seinem Führer: „Mit dem Rennrad durch die Alpen“. Allerdings fahre ich die Etappen in umgekehrter Fahrtrichtung, weil ich an meinem Ziel in Lienz Freunde treffen will. Der Führer ist sehr hilfreich, wenn auch nicht immer genau: Die angegebenen Fahrzeiten gelten für mich sowieso nicht, da ich mit einem Mountainbike und Gepäck reise. Aber die angegebenen Höhenmeter, die ich aus dem Führer zitiere, stimmen m. E. nicht immer, besonders bei der ersten Etappe.
Montag, 19. Juli: Bellinzona - Chiavenna
Ceneri-Bergstraße
(Strecke: 118,5 km - HM Auffahrt: 1812 m - HM Abfahrt: 1717 m)
Um 9.00 Uhr geht es bei strahlendem Wetter vom Bahnhof in Bellinzona auf die Reise. Als erstes stellt sich der Monte Céneri in den Weg. Die Bergstraße ist stark befahren, bietet aber viel Platz und damit Sicherheit. Hinter Lugano, einer furchtbar verbauten Stadt, die man aber durchqueren muss, beginnt das Alpenfeeling; am Luganer See entlang steigt die Straße an und man kommt ins südliche Alpenvorland. In Menaggio erreicht man den Comer See: aus den Bergen kommend, rollt man zum See hinunter. Eine Pause an einem der vielen Strände kann man für ein erfrischendes Bad nutzen. Die Straße am See entlang ist gut befahren, auf Radfahrer wird aber Rücksicht genommen. Weiter in Richtung Chiavenna erwartet den Radler ein wenig einladender Tunnel ohne Beleuchtung. Aber zum Glück gibt es eine Umgehung für Fußgänger und Radler. Dadurch gelangt man überhaupt auf eine Nebenstraße, die praktisch autofrei ist. Ca. 5 km vor Chiavenna ist dann Schluss mit lustig; das Weiterkommen geht nur noch über die enge und auch von vielen LKWs befahrene Landstraße. Nach ca. 2 km Stress scheint eine Alternative in Sicht: ein Radweg, der Chiavenna als Ziel angibt. Das Sträßchen führt immer steiler bergan, geht dann in einen Naturweg über und wird noch steiler: Das heißt, kapitulieren, zurückrollen und dann doch über die Landstraße quälen. Der Zeltplatz liegt ca. 3 km hinter Chiavenna in Richtung des ersten richtigen Passes, der am nächsten Tag ansteht.
Dienstag, 20. Juli: Chiavenna - Davos
Soglio-Bergstraße, Maloja-, Albulapass
(Strecke: 124,5 km - HM Auffahrt: 3255 m - HM Abfahrt: 2009 m)
Auf dem Malojapass
Ab jetzt geht es aufwärts. Kurz hinter der Grenze, man ist wieder in der Schweiz, empfiehlt der Radführer eine Abzweigung nach Soglio, was 300 HM zusätzlich kostet: „Lohn der Anstrengung ist ein hinreißend schöner Ausblick auf die Granitriesen der Sciora- und Albignagruppe mit der messerscharfen Piz-Badile-Nordkante“. Und weil das Wetter so schön ist und beste Sicht verspricht, geht’s aufwärts.
Die Auffahrt zum Malojapass wird steiler und endet in 13 engen Kehren. Auf ca. 1800 m Höhe beginnt eine herrliche Panoramafahrt entlang des Silser- und des Silvaplana Sees. Hinter den Wassern leuchten die Gletscher der Bernina-Gruppe mit dem höchsten Berg der Ostalpen, dem Piz Bernina (4049 m).
Der Albulapass zeigt sich bei 30 Grad und 12 % Steigung im unteren Bereich schwer zu fahren. Die folgende Abfahrt ist rasant und geht tiefer als gewünscht. Schließlich muss man wieder klettern, denn das Tagesziel, Davos, liegt auf über 1500 m Höhe.
Mittwoch, 21. Juli: Davos - Bórmio
Flüela-, Ofen- und Umbrailpass
(Strecke: 100,5 km - HM Auffahrt: 2440 m - HM Abfahrt: 2810 m)
Heute stehen drei Pässe auf dem Programm. Der Flüelapass zeigt sich auf 2383 m Höhe wenig einladend mit seinen Geröllfeldern und den beiden kleinen Seen. Kaum ein Auto überquert den Pass und das macht da Radeln sehr angenehm.
Foto: Dietrich Pals - http://www.alpentourer.de/
Landschaftlich schöner, aber wegen der zunehmenden Hitze auch anstrengender, wird die Bewältigung des Ofenpasses. Eine Zwischenabfahrt von 200 HM täuscht vor, die Passhöhe bewältigt zu haben. Dann geht es allerdings noch einmal richtig hoch. Das Schmankerl des Tages bietet das letzte Hindernis: Anfangs noch sehr einladend, weil richtig alpengrün und tannenwürzig, verwandelt sich der Umbrailpass schnell in eine abweisende Steinwüste. Bei permanentem und heftigem Gegenwind vergeht der Spaß. Aber auch langsames Klettern führt irgendwann zum Ziel auf 2505 m Höhe und der Ausblick auf der Passhöhe entschädigt.
Der Radführer empfiehlt noch einen Abstecher zum Stilfser Joch auf 2757 m Höhe, das in 2 km sichtbar ist, denn der Umbrailpass „mündet“ in die Stilfser-Joch-Passstraße. Ich nehme Abstand von meinem Plan, mir auf dem Stilfser Joch eine Unterkunft zu suchen, weil ich den kommenden Tag doch nicht mit einer fast 20 km langen Abfahrt beginnen möchte. Außerdem kenne ich den Pass und seine Wettertücken: Einige Jahre zuvor musste ich, aus dem Vinschgau über die berühmten 48 Kehren kommend, bei Schneeregen und Nebel nach Bormio hinunter.
Den Zeltplatz in Bormio zu finden, erweist sich als kompliziert. Mehrere Male erhalte ich die Information, in ein bis zwei Kilometer komme der Zeltplatz. So entferne ich mich immer weiter von der Zufahrt zu meinem nächsten Ziel, dem Gaviapass. Doch manchmal hat man auch Glück: Zwei englische Motorradfahrer, die in der zum Zeltplatz gehörenden Pizzeria sitzen, fragen mich, ob ich nicht am Tag zuvor - wie sie selber - in Davos auf dem Zeltplatz gewesen sei. So wird es dann doch noch ein netter Abend.
Donnerstag, 22. Juli: Bórmio - Cles
Gavia-, Tonalepass
(Strecke: ca. 110 km - HM Auffahrt: 2300 m - HM Abfahrt: 2785 m)
Der Gaviapass zeigt sich heute für Radler und Autofahrer als sichere Strecke. Das war vor 10 Jahren anders. Vor allem auf der südlichen Abfahrt existierte teilweise nur eine unbefestigte Naturstraße neben Asphalt mit Schlaglöchern und Felsbrocken - an manchen Stellen höchstens drei Meter breit - und die „Randsicherungen“ in Form verfaulter Holzlatten signalisierten zumindest: ab hier geht es abwärts. Auch ohne den früheren Nervenkitzel gehört der Gaviapass zu den schönsten Alpenpässen mit - nach wie vor - wenig Verkehr. Dagegen ist der Tonalepass mit Restaurants, Skiliften und dem nationalistischen Monumento Ossario total überlaufen. Außerdem verläuft über den Pass eine Verkehrsverbindung von der Lombardei im Westen ins Trentino im Osten.
Auch Cles lädt nicht dazu ein, sich länger als nötig dort aufzuhalten. Dann lieber durch die Abendstaus gekämpft und noch ein paar Kilometer bis zum nächsten Campingplatz gefahren.
Freitag, 23. Juli: Cles – Canazei
Monte Penegal, Mendel-, Karerpass
(Strecke: ca. 100 km - HM Auffahrt: 2600 m - HM Abfahrt: 2100 m)
Foto: Björn Tiemann
So kann der Ausblick auf das Südtiroler Unterland bis zum Rosengarten aussehen, wenn man kurz vor der Passhöhe des Mendelpasses die nach Norden führende Auffahrt zum Aussichtsberg Monte Penegal mit steilen 400 HM eingeschlagen hat. Wenn man jedoch kaum etwas erkennen kann, weil es so dunstig ist, weiß man, dass sich ein Gewitter zusammenbraut: In Bozen zeigt das Thermometer 40 Grad im Schatten. Die Einfahrt ins Eggental habe ich verpasst. Als ich merke, dass ich ein paar Klometer zu weit nach Norden gefahren sein muss, halte ich einen Rennradler an. Von einer Fahrt durchs Eggental rät er ab: viel zu viel Verkehr auf zu engen Straßen, auch viele LKWs sind auf dieser Strecke unterwegs. Als Radler nimmt man besser fünf Kilometer nördlich die Straße in Richtung Seis und biegt dann nach nur ca. zwei - allerdings auch verkehrsreichen - Kilometern rechts ab nach Tiers. Ab dort ist der Weg radlergeeignet, die Strecke unterhalb des Rosengartens sehr schön - Pech nur, dass das Gewitter mit Wolkenbruch für starke Abkühlung sorgt. Auf dem Karerpass zeigt das Thermometer schlappe 4 Grad. Die Abfahrt ist nass und kalt.
Samstag, 24. Juli: Canazei - Cortina d’Ampezzo
Pordoi-, Falzaregopass
(Strecke: ca. 80 km - HM Auffahrt: ca.1600 m - HM Abfahrt: ca. 1800 m)
Der Temperatursturz sorgt für eine sehr kalte Überquerung des Pordoipasses. In Arraba ist erst einmal Aufwärmen angesagt. Ein paar Kilometer geht es leicht abwärts, bevor die Auffahrt zum Falzaregopass beginnt. Plötzlich funktioniert die Schaltung nicht mehr, der Zug, um die Ritzel zu schalten, ist gerissen – am Samstag. Also zurück nach Arabba! Alle Geschäfte sind geschlossen, ein Karrosseriebauer kann nicht helfen. Dann bekomme ich den Hinweis, auf dem Zeltplatz nachzufragen. Dann geht alles sehr schnell: Ein Mechaniker wird gerufen, seine Werkstatt ist hinter der Gaststätte des Campingplatzes und nach einer halben Stunde kann ich mich wieder auf den Weg machen. Die ganze Aktion hat jedoch viel Zeit gekostet, über den Tre-Croci- und den Sant’ Angelo- Pass schaffe ich es nicht mehr. In Cortina d´Ampezzo finde ich gerade noch eine freie Ecke auf dem Campingplatz.
Unterhalb des Passo Pordoi
Foto: Dietrich Pals - http://www.alpentourer.de/
Sonntag, 25. Juli: Cortina d’Ampezzo - Lienz
Tre-Croci-, Sant’ Angelo-Pass
(Strecke: ca. 100 km - HM Auffahrt: ca. 1200 m - HM Abfahrt: ca. 1800 m)
Die Etappe nach Lienz, die der Radführer vorschlägt, ist nicht mehr zu schaffen. Die Fahrt durch das Antholzer Tal und über den Staller Sattel lässt sich leicht verschmerzen. Die Auffahrt zur Drei-Zinnen-Hütte allerdings (ca. 670 HM) ist ein Highlight dieser Tour und sollte eigentlich nicht fehlen.
Von Toblach nach Innichen geht es noch auf der Bundesstraße. Ab dort ist ein Radweg abseits der Straße angelegt worden: Genussfahrt abwärts nach Lienz. Dieses Vergnügen ist touristisch ausgebaut: Ab Lienz kann man per Zug nach Innichen gelangen und dann mit dem eigenen Bike oder per Leihrad nach Lienz zurückfahren.
Das Ziel in Lienz liegt 350 HM höher. Der Landgasthof Kreithof bietet schöne Ferienwohnungen und ausnahmsweise die Gelegenheit zu campen, weil dort Freunde wohnen.
Montag, 26. Juli: Genussradeln in Lienz
(Strecke: 60 km - HM Auffahrt: 800 m - HM Abfahrt: 800 m)
Mit Freunden geht es ein Stück rückwärts in Richtung Toblach. Wichtig ist, nicht aus dem Rhythmus zu kommen.
Dienstag, 27. Juli: Die Großglockner-Hochalpenstraße
Iselsbergpass, Großglockner-Hochtor
(Strecke: ca. 100 km - HM Auffahrt: 2550 m - HM Abfahrt: 2550 m)
Leider stellt sich das erhoffte Vergnügen nicht ein, es ist zu kalt. Am Hochtor, auf ca. 2500 HM, ist es lausig kalt: 2 Grad und Nebel! Edelweißspitze und Franz-Josephs-Höhe sollte man sich eigentlich nicht entgehen lassen. Ein guter Grund, im nächsten Jahr wiederzukommen
Mittwoch, 28. Juli: Lienz - Dortmund
Mit einmaligem Umsteigen geht es unkompliziert und komfortabel per Bahn nach Hause.